Architektur Ausstellungen Deutschland

Haus der Architektur Graz

Jenseits der Küste Utopias

3.12.2015–22.1.2016
JAMMERTHAL © Michael Hirschbichler

Die an der Küste Utopias anflutenden Wellen haben ihren Ursprung nicht in den lichten oder dunklen Weiten der Phantasie. In den Schaumkronen der Brandung treiben der Müll, die Hoffnungsfetzen und die Bruchstücke unserer Weltordnung zusammen mit den Fliehenden und Verzweifelten, die in kaum seetauglichen Booten die gefährliche Überfahrt wagen. Die entscheidende Eigenschaft der Utopie besteht darin, dass sie nie hier ist, sondern immer dort, und dass die auf sie gerichteten Bewegungen schwerlich ankommen. Während die imaginierten Orte der Sehnsucht unerreichbar bleiben, da sie sich jenseits der Topographie der Wirklichkeit befinden, sind die Vektoren auf diejenigen Regionen der Geographie gerichtet, die als Utopias Ebenbilder gelten. Die verheissungsvollen Länder von Sicherheit, Freiheit und Wohlstand heben sich gegenüber den Gegenden des Leids ab wie das barocke Paradies vor dem Jammertal, als erlösungsgeladene Vorstellung eines besseren Anderswo. Auch dieses Anderswo existiert stets als Insel, die sich entzieht – jenseits gefährlicher Meere oder als eifrig befestigte Enklaven. Nicht selten scheiden Stacheldrahtzäune die Paradiese von den Jammertälern. In einer subtilen Mischung von Rationalität und Sadismus verkörpern sie zugleich effiziente und stilisierte Instrumente einer alten menschlichen Praxis: der Kunst der Teilung, ohne die sich weder Paradiese noch utopische Inseln vom Rest der Welt trennen liessen. Es scheinen diese kühnen architektonischen Grenzlinien zu sein, an denen das Leben sich abarbeitet und entlang derer unsere Gegenwart sich verdichtet.