Architektur Ausstellungen Deutschland

Affspace Bern

Eingiessen
Katja Schenker, pool Architekten und Emanuel Tschumi

21.2.–19.4.2020
© Affspace

«Eingiessen» – unter diesem Titel betrachtet der Affspace ausgehend von der 2018 fertiggestellten Fachhochschule Nordwestschweiz in Muttenz das Zusammenwirken dreier Disziplinen: Kunst, Architektur und Signaletik. Die Technik des Giessens bildet in diesem Dreiergespann ein verbindendes Element. Das Vorgehen und das Resultat sind aber grundverschieden.

In der Architektur der FHNW Muttenz ist der Beton prägend. pool Architekten setzen ihn auf differenzierte Art und Weise im ganzen Gebäude ein. Sein feines Oberflächenbild täuscht über die gewaltigen Lasten hinweg, die er und insbesondere der darin verborgene Stahl tragen müssen. Die Dimensionen der Stahlarmierungen und Lehrgerüste erinnern an den Bau von Brücken.
Ganz anders geschieht der Einsatz des Materials und der Giessprozess bei der Künstlerin Katja Schenker. Für ihr Kunst und Bau-Werk «Dreamer», das im zentralen Atrium steht, hat sie in langsamer Handarbeit in der Natur gesammelte Rohstoffe wie Hölzer, Steine und Erze in Beton eingegossen. Zum Schluss hat sie von allen Seiten mit einer Diamantseilsäge eine Schicht von sechzehn Zentimetern heruntergeschnitten und so das Innenleben freigelegt. Dieser elf Meter hohe Monolith ist nicht armiert. «Er ist zugleich für die Ewigkeit und ephemer», beschreibt ihn Schenker. «Unzählige Objekte halten zusammen ohne Armierung und ohne Haut.»
Der «Dreamer» stellt grosse Fragen an die Architektur, nach ihrer Zeit, ihrer Erinnerung, ihrer Beziehung zum Menschen. Die eingegossenen Materialien bringen verschiedene zeitliche Dimensionen, Prozesse und Geschwindigkeiten ein: diejenigen der Erze, der Steine und der Bäume.
Rund um den «Dreamer» führen Treppen in Diagonalen bis zur Plattform im dritten Obergeschoss. Während man hochsteigt, erlebt man den «Dreamer» aus unterschiedlichen Perspektiven. Wendet man den Blick nach Aussen, nimmt man die Signaletik von Emanuel Tschumi wie einen eingegossenen Kompass wahr. NORD – OST – SÜD – WEST. Die Worte wurden mittels Polyurethan-Matrizen in die Wand eingeprägt. Sie begleiten einen, wenn man dem Glasdach entgegen nach oben steigt.
Die Ausstellung im Affspace bringt pool Architekten, Katja Schenker und Emanuel Tschumi noch einmal zusammen, um unter dem sowohl konkreten als auch metaphorischen Thema des Eingiessens Fragen zum Verhältnis von Kunst und Architektur aufzunehmen.
Im Zentrum stehen die «Cuts (Wie tief ist die Zeit?)», Skulpturen von Schenker, die aus dem Schneiden des «Dreamers» entstanden sind. Der architektonische Prozess wird durch verschiedene Rastermodelle veranschaulicht. Polyurethan-Matrizen einzelner Buchstaben führen den Prägevorgang der Gebäudebeschriftung vor Augen. Ein bei Park Books erschienenes Buch dokumentiert anhand zahlreicher Fotografien von Martin Stollenwerk und Andrea Helbling die eindrückliche Baustelle und gewährt Einblick in die verborgenen Geheimnisse des Eingiessens.