Architektur Ausstellungen Deutschland

Museum der Dinge Berlin

gern modern?
Wohnkonzepte für Berlin nach 1945

10.2.–24.6.2017
gern modern? Wohnkonzepte für Berlin nach 1945 © „Blumenstraße“, 1946 Fotograf: Cecil F.S. Newman, Stiftung Stadtmuseum Berlin, 2011-1703,19_2

Berlin nach 1945: „Wie werden wir wohnen?“ war die Frage der Stunde. Das Ausstellungsprojekt gern modern? untersucht Ideen und Konzepte für ein reales und ideelles Sich-Einrichten, die von Akteuren des Deutschen Werkbunds in der kriegszerstörten Stadt entwickelt wurden. Zum Teil unbekannte Objekte und Dokumente aus den eigenen Sammlungen sowie zahlreiche Leihgaben vermitteln ein facettenreiches Bild der Werkbund-Initiativen zum Wohnen bis in die späten 1950er Jahre. Zu sehen sind Architekturmodelle und Möbel, Plakate, Pläne und Zeichnungen, historische Fotos und Filme sowie Schulkisten und ein Baukasten aus der Berliner Wohnberatungsstelle. Mit einer Tiefenbohrung in die Geschichte des Berliner Werkbunds leistet gern modern? einen Beitrag zur aktuellen Auseinandersetzung mit der deutschen Nachkriegsmoderne und fragt nach der Bedeutung des historischen Themas für die Gegenwart. Die Plattform D.I.Y. Wohnberatungsstelle lädt Besucherinnen und Besucher mit einem vielfältigen Programm ein, an Thema und Gestalt der Ausstellung zu partizipieren.

Nach dem verlorenen Krieg wollte der Werkbund mit moderner Gestaltung einen ästhetischen und gesellschaftlichen Neuanfang anstoßen. Weitgehend überblendet wurden dabei die programmatischen und personellen Kontinuitäten, die durch die Zeit des Nationalsozialismus bestanden hatten. Die weiträumige Zerstörung historischer Stadtgebiete betrachtete der Werkbund als Chance, die in den 1920er Jahren entwickelten Ideen zum Neuen Bauen und zur Neuen Wohnung umzusetzen. Die Werkbund-Protagonistin Lilly Reich sprach von einem „günstigen Augenblick, einer wirklich kulturell hochstehenden Wohnform den Weg zu bereiten.“ In allen Berliner Sektoren ging es damals um den dramatischen Bedarf der Ausgebombten und Geflüchteten an Wohnraum, Mobiliar und Alltagsdingen. Er sollte schnellstmöglich über eine Normung, Typisierung und Standardisierung in Entwurf und Produktion gedeckt werden. Mitglieder der „Arbeitsgruppe Innenausbau“ des Berliner Werkbunds entwickelten hierfür neue Möbeltypen. Die frühen Entwürfe der Bauhaus-Schüler Eduard Ludwig und Herbert Hirche werden in der Ausstellung gern modern? erstmals gezeigt.

Im Sommer 1946 eröffnete im Berliner Stadtschloss die Ausstellung Berlin plant. Erster Bericht. Ein Planungskollektiv um Hans Scharoun hatte radikale Visionen für ein neues, modernes Berlin gezeichnet. Eine Publikumsattraktion waren fünf wie Puppenstuben eingerichtete Montagehaus-Modelle aus neuen Kunststoffen. Entwickelt hatte sie ein Internationales Komitee für Wohnungswesen, dem neben Vertretern der Alliierten auch Mitglieder der Berliner Werkbundgruppe angehörten. Die Haustypen waren an die Wohngebräuche Amerikas, Russlands, Frankreichs, Englands und Deutschlands angepasst und sollten einen Beitrag „zum friedlichen Aufbau der Welt“ leisten, wie Hans Scharoun in seiner Eröffnungsrede erklärte. Für die Ausstellung gern modern? wurde das Modellhaus Typ Deutschland im Originalmaßstab 1:5 nachgebaut.

Im Rahmen der Ausstellung Berlin plant. Erster Bericht organisierte der Magistrat einen Ideenwettbewerb, der alle Berlinerinnen und Berliner dazu aufrief, die Zukunft ihrer Stadt mitzugestalten. gern modern? zeigt nicht nur die normativen Planungen in Bauhaus- und Werkbundtradition, sondern lässt auch eine der anderen Wettbewerbsteilnehmerinnen, die Schriftstellerin Alix Rohde-Liebenau, zu Wort kommen. Mit Beginn der 1950er Jahre veränderten sich die Argumente in Ost und West vor der Folie des Kalten Krieges. Berlin stand im Brennpunkt des Interesses. Wohnausstellungen und Propagandafilme rührten die Werbetrommel für ein jetzt jeweils gegensätzlich definiertes „besseres Leben“. Modern zu wohnen wurde zum Politikum – bis heute sichtbar an den in Konkurrenz zur Ostberliner Stalinallee errichteten Wohnhochhäusern der Brüder Luckhardt am Kottbusser Tor sowie dem neuen Hansaviertel, das 1957 als Internationale Bauausstellung eröffnet wurde.

Die Musterwohnungen der Interbau – inklusive Wohn- und Freizeitberatungsstelle – markieren einen Höhepunkt der im Rückblick nahezu autoritär einzuschätzenden Wohnberatungsaktivitäten des Werkbunds: Neben der Organisation von Ausstellungen zur Guten Form veröffentlichte der Werkbund Ratgeber zum Thema, er entwickelte Lehrmittelkisten für Schulen und richtete in mehreren Städten „Wohnberatungsstellen“ ein. Geschultes Personal half hier kostenlos bei Fragen rund ums Wohnen. Zu sehen gab es empfehlenswerte Haushaltsdinge vom Tapetenmuster bis zum Teeservice. Die Erziehung zum guten Geschmack und zum richtigen Wohnen sollte auch zu einer geordneten Lebensgestaltung führen. Auch wenn der Werkbund seine ästhetischen und gesellschaftspolitischen Leitbilder gegen Ende der 1960er Jahre selbst kritisch hinterfragte, wirken sie bis heute nach – gerade auch in der Abgrenzung. Die Wohnungsfrage ist erneut Gegenstand öffentlicher Diskussionen. Die Plattform D.I.Y. Wohnberatungsstelle bietet mit zahlreichen Workshops, Talks und Vorträgen ein umfangreiches Begleitprogramm. An die Ausstellung angeschlossene Education-Projekte richten sich insbesondere an die jungen Bewohnerinnen und Bewohner aus der unmittelbaren Museumsumgebung am Kottbusser Tor: Wie wohnt es sich in Häusern und Räumen, die einst zu einem Symbol für ein „besseres Leben“ erklärt wurden, die sich dann zu einem der sozialen Brennpunkte Berlins entwickelten und heute Teil der fortschreitenden Gentrifizierung Kreuzbergs und Neuköllns sind? Im Fokus steht dabei das Hochhaus-Ensemble der Brüder Luckhardt, dessen Wettbewerbsmodell aus dem Jahr 1952 in der Ausstellung gern modern? zu sehen ist. Das Programm der D.I.Y. Wohnberatungsstelle wird im Ausstellungsblog ständig aktualisiert. Hier werden auch die während der Laufzeit der Ausstellung entstehenden Ergebnisse der Workshops und Projekte kommuniziert.

Das Ausstellungsprojekt gern modern? Wohnkonzepte für Berlin nach 1945 setzt eine Ausstellungsreihe fort, die das im Werkbundarchiv – Museum der Dinge bewahrte Erbe in den Blick nimmt. Neben umfangreichem Material aus den eigenen Sammlungen zeigt die Ausstellung zahlreiche Leihgaben, u.a. der Akademie der Künste Berlin, der Klassik Stiftung Weimar, den Staatlichen Museen zu Berlin – Kunstbibliothek und Kunstgewerbemuseum sowie aus privaten Sammlungen.